]Franziskus Laudato Si’ – eine Perle in der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte

#1 von Traudel , 26.07.2015 12:54

Franziskus Laudato Si’ – eine Perle in der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte
Ein Gastbeitrag von Deborah Görl.

Erstellt von kathnews-Redaktion am 26. Juli 2015 um 12:27 Uhr


Papst Franziskus

Seit Monaten wird Papst Franziskus neue Enzyklika Laudato Si’ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus – von bestimmten Kreisen kritisiert. Die Kritik setzte sogar schon an, lange bevor das Dokument überhaupt erschienen war. Man möchte meinen aus einem prinzipiellen anti-römischen Affekt heraus. Manche Leute gehen morgens laufen, andere sehen anscheinend Papst-Bashing als ihren Sport an…

Nun, wo man die Enzyklika tatsächlich vorliegen hat, zerpflückt man sie, wie man nur kann: Es werden einzelne „kritische“ Passagen isoliert zitiert, um damit die Schlechtigkeit der ganzen Enzyklika zu beweisen. Diese isolierte Zitation legt nahe, dass man das Dokument überhaupt nicht vollständig gelesen hat, geschweige denn es studiert und in den aktuellen Kontext eingeordnet hat, was für ein richtiges Verständnis essentiell ist. Das ist aber das Mindeste, was man tun sollte, wenn man derartige Kritik an einem lehramtlichen Schreiben des Vicarius Christi übt. Denn hätte man sich sowohl mit der neuen Enzyklika als auch mit dem konkreten Kontext und der globalen Lage auseinandergesetzt, wäre man zu anderen Schlüssen gelangt. Wir sind mit einer hochkomplexen und vernetzten sozio-ökologischen Weltkrise konfrontiert. Zu dieser Krise gibt es eine aktuelle politische und auch philosophische Debatte zur Nachhaltigkeit und zum Klima, die fast ausschließliche von säkularen Überlegungen geprägt ist.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten wie man mit dieser Situation umgehen kann: Man kann diese Debatte ignorieren und stattdessen Verschwörungstheorien entwerfen oder man bringt sich konstruktiv mit einer christlichen Perspektive ein. Papst Franziskus hat sich für letzteres entschieden und damit einen naturwissenschaftlich geprägten Bereich, aus dem sich Kirche in den letzten Jahrhunderten weitgehend verdrängen hat lassen, wieder für das Christentum erschlossen. Ein zentraler Aspekt von Laudato Si’ ist die Ganzheitlichen Ökologie, die als Konzept versucht eine Antwort auf die sozio-ökologischen Herausforderungen unserer Zeit zu finden. Die Ganzheitliche Ökologie unterscheidet sich fundamental von den anderen Ansätzen in der Ethik der Nachhaltigkeit, da es sich bei ihr um ein unglaublich umfassendes und nuancenreiches Konzept handelt, das auch Aspekte wie bspw. die Kulturzerstörung, die normalerweise unerwähnt bleiben, berücksichtigt.

Franziskus kombiniert Überlegungen der Umwelt- Wirtschafts- und Sozialökologie, die eher als „Debattenmainstream“ bezeichnet werden können, mit kulturellen und naturrechtlichen Punkten. Die lex naturalis, die bei nachhaltigkeitsethischen Überlegungen – in der Regel – nicht vorkommt, findet somit wieder Einzug in die öffentliche Debatte. Ferner ist Solidarität ein wichtiger Leitgedanke der Ganzheitliche Ökologie, sowohl zwischen den Zeitgenossen als auch den zukünftigen Generationen.

In der Tat ist eine der wichtigsten Fragen in der aktuellen Debatte zur Nachhaltigkeit diejenige, inwiefern und in welchem Umfang die momentan lebenden Menschen Verantwortung für die zukünftigen Generationen haben. Es gibt dazu verschiedene Positionen, die hier auch nicht weiter erörtert werden sollen. Interessant ist nur Franziskus Position dazu, denn er reduziert seine Ausführungen nicht auf ein mehr-oder-weniger an Ressourcen, wie es meistens der Fall ist, sondern sein Ansatz sieht anders aus. Franziskus führt eine neue Perspektive ein indem er die inhaltliche Frage stellt, was für eine Welt wir unseren Nachkommen hinterlassen wollen, wobei er dabei ethische Elemente mit Fragen der Ressourcenverteilung verknüpft. Daran wie wir mit dieser Problemstellung umgehen, müssen wir uns als Menschen messen lassen.

Ein weitere außergewöhnlicher Punkt von Laudato Si’ ist der Miteinbezug unserer konkreten Lebenswirklichkeit. Franziskus stellt fest, dass eine ganzheitliche Ökologie bzw. auch Entwicklung, eine Verbesserung der Lebensqualität der Menschen beinhalten muss. Er bezieht sich dabei v.a. auf die weltweiten negativen Folgen der Urbanisierung. Die Quintessenz der Ganzheitlichen Ökologie lautet, dass die Lösung sozialer Probleme nicht gegen den Umweltschutz ausgespielt werden darf, da beide Bereiche zusammengehören und miteinander in Wechselwirkung stehen. Diese Position ist für die momentane Debatte, die zur Einseitigkeit tendiert, äußerst bemerkenswert.

Als jemand, der sich ausgiebig mit den zeitgenössischen Strömungen der Nachhaltigkeitsethik auseinandergesetzt hat, kann ich nur konstatieren, dass Franziskus Ansatz der Ganzheitliche Ökologie eine unvergleichliche Perle in der aktuellen Debatte darstellt, die man wertschätzen sollte. Man tut dem Vicarius Christi großes Unrecht, wenn man sie so rezipiert, wie es in konservativen Kreisen vonstatten geht. Stattdessen sollte man sich zunächst einmal in die aktuelle Debatte einarbeiten und danach die Enzyklika studieren. Man wird nach der Lektüre der anderen Autoren, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzten, von Laudato Si’ begeistert sein.

Die Autorin ist Studentin an der jesuitischen „Hochschule für Philosophie München”.
http://www.kathnews.de/franziskus-laudat...tigkeitsdebatte
Foto: Papst Franziskus – Bildquelle: Kathnews

 
Traudel
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